Seit dem Altertum ist dieser parasitäre Fadenwurm gefürchtet. Der Medinawurm (Dracunculus medinensis), auch als Guineawurm bezeichnet, ist der Erreger der Dracontiasis. Einer Erkrankung, so bizarr und verstörend, dass man heute in Industrieländern kaum glauben mag, dass sie überhaupt existiert. Sie ist aber traurige Realität, die die diversen Wissensendungsformate vermutlich dem Zuschauer im Vorabendprogramm nicht zumuten möchten. Die „glühende Schlange“ wie der parasitäre Wurm in den Epidemie Regionen auch genannt wird ist jedoch als Parasit des Menschen schon seit Jhrhunderten gefürchtet und war früher in den feuchten Gebieten Afrikas, Ägyptens bis nach Pakistan und Indien relativ weit verbreitet. So verwundert es auch nicht, dass sich sogar in einigen untersuchten Ägyptischen Mumien Überbleibsel des Guineawurms finden ließen.  Ein Wurmbefall (im Gesicht) und die traditionelle Entfernung des Medinawurms mit einem Holzstäbchen wird beispielsweise auch in dem Karl May Roman „Die Sklavenkarawane“  beschrieben.

Bild: Traditionelle Entfernung des Medinawurms mit einem Holzstäbchen der bis zu 1,20 Meter lange Wurm kann nur wenige Zentimeter pro Tag aus dem Gewebe gezogen werden.

Medinawurm Entfernung

Quelle: Public Health Image Library #1342, Gemeinfrei

Der Schmarotzer befällt vorwiegend den Menschen und weniger andere Säugetiere. Alleine der Hund wird auch in stärkerem Maße von dem Wurm befallen. Der Mensch ist also der Haupt- und Endwirt des Parasiten.

Das Weibchen des Medinawurms wird bei einer Dicke von 1,5 mm Dicke bis zu 120 cm lang, das Männchen hingegen erreicht nur eine Länge von rund 3 cm. Den für die Entwicklung des Parasiten notwendigen Zwischenwirt stellen Ruderfußkrebse dar. Die Larven werden im Wasser von Krebsen  gefressen und bohren sich durch deren Darmwand in die Leibeshöhle der Krebse. Dort entwickeln sie sich weiter. Der Mensch nimmt nun die winzigen von Wurmlarven befallenen Krebse unwissentlich durch ungefiltertes Trinkwasser auf. Die Infektion erfolgt vorwiegend während der Trockenzeit, da meist keine geregelte Trinkwasserversorgung besteht und die Bevölkerung auf jegliche Wasseransammlungen angewiesen ist.

Bild: Sudanesische Kinder verwenden eine Art „Pfeifenfilter“ um sich beim Wassertrinken nicht mit den Larven des Medinawurms zu infizieren.

Guineawurm Prevention

 

 

 

 

 

 

Quelle: The Carter Center/Emily Howard Staub, USAID, Gemeinfrei

Die Larven werden nach Aufnahme durch den Menschen im Magen freigesetzt. Von dort aus gelangen sie in den Dünndarm, wo sie die Schleimhaut durchdringen. Hinter dem Bauchfell vollenden sie ihre Entwicklung und paaren sich. Während das Männchen nun stirbt und eingekapselt wird, wächst das befruchtete Weibchen weiter. Der Wurm kann bereits in dieser Phase bis zu einem Meter lang werden. Danach wandert der Parasit durch das Gewebe zu den Extremitäten, in erster Linie zu den Unterschenkeln oder Füßen um sich dort im Bindegewebe der Unterhaut anzusiedeln. Dieser Prozess ist äußerst schmerzhaft. Was das Vorgehen des Wurms so perfide macht, ist die nächste und letzte Phase des parasitären Lebenszyklus: Hat der Wurm nämlich die Extremitäten erreicht und sich dort im Bindegewebe der Unterhaut eingenistet, beginnt  das Kopfende des Wurms durch Abscheidungen ein taubeneigroßes Geschwür auf der Haut zu bilden. Durch die vom Parasiten abgesonderten Stoffe erweckt der Wurm bei den Betroffenen an der Körperstelle, an er sich das Geschwür befindet, das extrem schmerzhafte Gefühl starker Hitze. Daher auch der Name “glühende” oder “feurige Schlange”. Die befallene Person kann nicht wiederstehen und kühlt die befallene Körperpartie mit Wasser. In den meisten Epidemie-Regionen stellt Wasser, das oftmals selbst bereits stark mit den Larven des Wurmes verseucht ist, die einzige verfügbare Möglichkeit der Kühlung da. Kommt nun aber das Geschwür mit Wasser in Berührung, platzt die dünne Haut im Zentrum auf. Gleichzeitig reißt die Haut des dicht darunterliegenden Wurms sowie dessen Uterus, der daraufhin Tausende von Larven ins Wasser entlässt. Anschließend zieht sich der Uterus wieder ins Geschwür zurück und bei erneutem Wasserkontakt wiederholt sich der Vorgang bis der Wurm nach zwei bis drei Wochen abstirbt. Diese Larvenausschüttung beginnt ungefähr ein Jahr nach der Aufnahme der Larven. Die ins Wasser gelangten Larven werden von Krebsen gefressen und der Lebenszyklus des Parasiten beginnt von Neuem.

Bild: Offenes Medina Wurm Geschwür im Fuß. Es sind Fälle bekannt, in den ein einziger Mensch von über 60 der bis zu 1,20 Meter langen Würmern befallen war. Manchmal sind auch andere Körpereigenen als die Extremitäten betroffen.

Medinawurm im Fuß

 

 

 

 

 

 

Quelle: Centers of Diseases Control, Atlanta, Gemeinfrei

Die traditionelle Art der Entfernung des weiblichen Wurms geschah und geschieht in den Endemie-Gebieten auch heute noch mit einem Holzstäbchen. Damit wird das aus dem Geschwür herausbrechende Vorderende des Wurms, jeden Tag ein Stück herausgerollt, allerdings maximal  10 cm pro Tag, um ein Durchreißen des Wurms zu verhindern. Diese Art der Entfernung dauert einige Tage, manchmal aber auch viele Wochen. Misslingt diese Entfernungsmethode, beispielsweise weil der Wurm durchreißt, muss der in der Wunde verbliebene Teil des Endoparasiten operativ entfernt werden. Meist heilt das Geschwür ohne Komplikationen aus, es stellt jedoch eine Eintrittspforte für Bakterien dar. Es können sich Abszesse, Gelenkentzündungen oder Versteifung der Gelenke bilden. Es wird keine Immunität aufgebaut und so kommt es bei fortbestehender Exposition immer wieder zur Neuinfektion

Durch Bekämpfungsmaßnahmen, insbesondere die Präventionskampagne des Carter Centers in Atlanta konnte die jährliche Anzahl an Neuinfektionen drastisch reduziert und die Verbreitung des Parasiten auf wenige Gebiete Afrikas, hauptsächlich im Sudan und in Ghana, beschränkt werden. In den Beiden Videos kann man sich einen detailierten überblick über die Erkrankung und die hervorragende Arbeit des Carter Centers verschaffen (Vorsicht! Diese Aufnahmen sind sehr realitätsnah und möglicherweise nicht für jeden Besucher geeignet.)

Auf YouTube hochgeladen von CarterCenter am 22.11.2010 RSS Video-Link

 

 

Die jahrelange Bemühungen (seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts) des Carter Centers sind von Erfolg gekrönt. So hat die WHO Ende 2009 nur noch in Äthiopien, Ghana, Mali und Sudan neue Infektionen feststellen können. Ende 2010 hat sich die Verbreitung auf nur noch 1700 Fälle weltweit belaufen. Der Befall mit dem Medinawurm wird also wahrscheinlich nach den Pocken und der Rinderpest die dritte Krankheit werden, die durch den Menschen vollständig ausgerottet werden konnte.

 

Weitere Teile:

Teil 1:  Die fiesesten Parasiten des Menschen – Einführung

Teil 2: 20 Meter lang und hungrig – Der Bandwurm

Teil 3: Schrecken aus der Tiefe – Der Penisfisch (Candiru)

Teil 5: Na juckt es schon? – Die Krätzemilbe

 

 

 

Quellen:

http://en.wikipedia.org/wiki/Dracunculiasis

http://www.cartercenter.org/index.html

http://www.cartercenter.org/documents/2230.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Medinawurm

http://de.wikipedia.org/wiki/Dracontiasis

christian

  Eine Antwort zu “Die fiesesten Parasiten des Menschen (Teil 4 von 6): Medinawurm – Seit dem Altertum gefürchtet”

  1. Gefaellt mir gut der Blog. Gute Themenwahl.

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