Sep 262011
 

Was macht ein Cyborg eigentlich in seiner Freizeit? Verlässt man sich auf die Informationen die einem die Filmindustrie liefert, nicht sonderlich viel! Das liegt wahrscheinlich am anstrengenden und überaus vereinnahmenden Job den er ausübt. Mal hilft er seinem Kollektiv andere Spezies zu assimilieren, mal sorgt er für Sicherheit auf den Straßen von Detroit, oftmals befördert er auch auf diversen Schlachtfeldern seine Gegner mit oder besser gesagt als wirklich innovatives Waffensystem ins Jenseits. Da ist man nach getaner Arbeit natürlich ziemlich erschöpft, aber anders als der Normalbürger hängt er in seinem Feierabend nicht vor der Klotze oder auf Facebook, sondern an der Stromleitung. Entspannung ist für ihn also nie angesagt, ganz im Gegenteil.

Bild: Viele Apps, zarte Blässe und hohe Arbeitsmoral – Die Borg

Borg Cyborg

Quelle: Izx en.wikipedia, Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic (modifiziert)

Was macht man nun, wenn so ein kybernetischer Kamerad in die Lehrstehende Wohnung nebenan einzieht? Locker bleiben! Wahrscheinlich wohnt nämlich schon einer in deiner Umgebung und bisher bist du nicht pulverisiert worden!

Spaß beiseite – in der heutigen Biotechnologie gibt es vielfältige Bestrebungen, biologische „Elemente“ mit technischen Komponenten zu verbinden. Teilweise konnten hier bereits beeindruckende Ergebnisse erzielt werden, die nicht nur im medizinischen Kontext bedeutsam sind. Der Cyborg aus dem Film ist fiktiv, aber die gezielte Veränderung und Verbesserung des menschlichen Körpers und Bewusstseins durch Technik ist bereits Realität.  In einigen der folgenden Blogartikel soll jeweils über bestimmte Neuerung in diesem Themengebiet berichtet werden. Dieser Artikel ist als eine Art Einführung zu verstehen.

Aber was ist denn ein Cyborg überhaupt?

Cyborg ist die Bezeichnung für ein Mischwesen aus Maschine und lebendigem Organismus. Der Begriff leitet sich vom englischen cybernetic organism, zu Deutsch „kybernetischer Organismus“ her und wird meistens auf Menschen angewendet, deren Körper dauerhaft durch künstliche Bauteile ergänzt wurde. Anders als vielleicht vermutet stammt dieser Begriff nicht aus der Science Fiktion Literatur, sondern hat seine Ursprünge in Diskussionen unter Wissenschaftlern in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Damals wurde von einigen Seiten gefordert, zu prüfen, ob nicht die technische Anpassung des Menschen an die Umweltbedingungen des Weltraums eine gangbare Alternative zur Schaffung einer künstlichen erdähnlichen Atmosphäre innerhalb von Raumschiffen darstellen könnte. Mit Hilfe von biochemischen, physiologischen und elektronischen Modifikationen sollten Menschen als „selbstregulierende Mensch-Maschinen-Systeme“ im Weltraum überlebensfähig werden. Die grundsätzliche Idee hinter dem Konzept des Cyborg, nämlich technologische funktionale Komponenten in organische Systeme zu integrieren, geht jedoch bis ins  Zeitalter der Aufklärung zurück (Prothetisierung der Welt als Form der Emanzipation gegenüber der Natur). Aber auch in der Science Fiktion Literatur existierten Cyborgphantasien schon lange bevor der Begriff überhaupt existierte.

Cyborgs sind also technisch modifizierte biologische Lebensformen, sie zählen daher auch nicht zu den Robotern. Dies gilt unabhängig davon wie menschenähnlich diese Roboter (Androiden) möglicherweise sind. Ein Cyborg muss zwingend biologischer Herkunft sein. Robocop ist also ein Cyborg, der T800 (Arni) aus Terminator hingegen nicht und zwar genauso wenig wie Data aus Star Trek. Die Borg sind Cyborgs, klarer Fall! Aber wie verhält es sich mit dem, mit „Special Vision“  ausgestatteten Geordi La Forge? Ist er aufgrund seines VISORs (Visual Instrument & Sight Organ Replacement) der direkt an das Gehirn angeschlossen ist, bereits ein Cyborg?

Bild: Zwar kein Universel Soldiers aber so könnten die ersten, in Kriegen z.B. als Aufklärer eigesetzten Cyborgs aussehen. Projekte des Hybrid Insect Micro Electromechanical Systems (HI-MEMS) Programm. (Zum vergrößern auf die Bilder klicken)

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Quelle: The Defense Advanced Research Projects Agency – DARPA

http://www.darpa.mil/Our_Work/MTO/Programs/Hybrid_Insect_Micro_Electromechanical_Systems_(HI-MEMS).aspx

So klar die Trennlinie zwischen einem Cyborg und einem Roboter gezogen werden kann, so schwer gestaltet sich die Unterscheidung zwischen einem Mensch und einem Cyborg.

Es existieren unterschiedliche Auffassungen darüber, wann ein Mensch zu einem Cyborg wird bzw. als ein solcher anzusehen ist. So gehen einige Meinungen sogar so weit, unter einem Cyborg bereits eine Person zu verstehen, die sich mit Technik umgibt, etwa in einem Auto sitzt, ein Telefon benutzt oder auch nur eine Brille trägt. Andere Auffassungen des Begriffs folgen eher dem Anfangs geschilderten gebräuchlicheren Verständnis und stellen auf die physische Verbindungen von menschlichem Körper und Technologie ab und zwar in der Form, dass die Technologie beim Menschen wortwörtlich “unter die Haut gehen“ muss. So unterschiedlich diese beiden Definitionen auch seien mögen, beiden ist gemeinsam, dass nach ihnen echte Cyborgs bereits existieren.

Im Kontext der Humanmedizin wird der Einsatz komplexer binnenkörperlicher Technologie schon seit Jahren praktiziert. Hier sei beispielsweise auf Herzschrittmacher, komplexe Prothesen sowie Implantate für Auge und Ohr verwiesen. Also selbst wenn man der engeren, der „unter die Haut“-Definition sozusagen folgt, sind ungefähr 10 Prozent der aktuellen Bevölkerung der USA im technischen Sinne bereits Cyborgs. Trotzdem würde niemand eine Person mit einem Herzschrittmacher als Cyborg bezeichnen. Der Übergang vom Mensch zum Cyborg ist vermutlich eher fließend und die Frage, ob ein solcher Übergang überhaupt stattfinden sollte, letztendlich eine mit dem individuellen und kollektiven Selbstverständnis einhergehende philosophische und nur bedingt eine technische Frage.

Oder ist die Fokussierung auf Ebene der physischen Modifikation des menschlichen Körpers von vornherein zu kurz gegriffen? Die Anthropologin Dr. Amber Case meint, ja, denn während wir auf den Bildschirm starren und Tasten drückenden wandeln wir zu einer neuen Version des Homo Sapiens so ihre Auffassung. Wir verlassen uns heute auf “externe Gehirne” (Handys und Computer), um zu kommunizieren, uns zu erinnern, ja sogar ein zweites ein digitales Leben zu führen. Hier ihr Vortrag aufgezeichnet auf der TedWoman – Konferenz im Dezember 2010 in Washington, DC:


RSS Video-Link

 

Siehe auch die anderen Teile der Cyborg-Serie:

Cyborg Now! Der Eyeborg

 Cyborg Now! Exoskelett

 

Quellen:

Kegler, Karl R./Kerner, Max (2002): Der Künstliche Mensch: Körper und Intelligenz im Zeitalter ihrer Technischen Reproduzierbarkeit. (Hg.)

http://blog.ted.com/2011/01/11/we-are-all-cyborgs-now-amber-case-on-ted-com/

http://de.wikipedia.org/wiki/Cyborg

http://www.heise.de/tr/artikel/Ferngesteuerte-Kaefer-fuer-die-US-Armee-276062.html

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,457884,00.html

http://www.novo-magazin.de/47/novo4740.htm

 

Verfasst von: Christian

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ich bin Christian, Mitarbeiter bei OnePunch.de und habe bisher 68 Artikel für diesen Blog geschrieben. Mehr Information über mich und meine Tätigkeit findest Du hier.

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  3 Antworten zu “Cyborg Now – Der Cyborg von nebenan”

  1. Guter Artikel! Die Wissenschaftlerin ist Hart drauf: Und wenn ich in den nächsten 20 Jahren schlafen ging dachte ich immer darüber nach, ich will ein Wormhole erschaffen. Wtf..

  2. Danke.. ja sie hatte anscheinend früher ziemlich ungewöhnliche Interessen. Dann der Wechsel auf Anthropologie ist aber auch nicht schlecht.